Wohnen auf dem Kirchturm klingt romantisch, war für die Türmerfamilien aber harte Arbeit. Der letzte Türmer Hofmann, der von 1889 bis 1906 auf St. Marien Dienst tat, lebte dort mit seiner Frau, sechs Söhnen und zwei Töchtern auf drei Etagen. Eine andere Familie brachte es sogar auf 11 Kinder! Der Alltag verlangte allen viel ab. Wer zur Schule, zum Spielen oder für Besorgungen nach unten wollte, musste jedes Mal rund 220 Stufen über die Wendeltreppe bewältigen. Wehe dem, der etwas vergessen hatte! Elektrisches Licht gab es nicht, man nutzte Petroleum-Lampen. Besonders beschwerlich war die Wasserversorgung: Das Trinkwasser wurde am Erlpeter-Brunnen geholt, in ein Fass am Turmfuß geschüttet und dann mitsamt großen Wasserkannen per Hand-Seilwinde nach oben gezogen. Auf dem gleichen Weg – per Winde nach unten – musste der Bottich des Trockenklos transportiert werden. Schloss der Wind ungünstig, bemerkte der Türmer humorvoll: „Jetzt bekommen die Pirnschen Sommersprossen!“. Auch die Heizkohle für den Winter – rund 60 Zentner – zog man per Winde hinauf. Als ein Sohn sich aus Übermut im leeren Korb abseilen ließ, gab es prompt ein Donnerwetter vom Vater. Bei schweren Sturmböen blieb die Familie oben – selbst wenn das Gebälk knirschte und der Turm leicht schwankte
(Text aus Überlieferungen aufgeschrieben von Annemarie Träger und von Klaus Hensel nach einem “Interview” im Jahr 1974 mit Frl. Hofmann, Tochter des letzten Türmers von St. Marien, die damals schon sehr betagt aber noch geistig rege und humorvoll war und im “Hospital” in der Robert-Koch-Straße wohnte. )
