Der Turm von St. Marien war nicht nur in Friedenszeiten ein wichtiger Ort, sondern auch im Zweiten Weltkrieg ein entscheidender Beobachtungsposten. Die damals 13-jährige Christa Schmidt erinnert sich an das Frühjahr 1945. Da die alliierten Bombardements zunahmen, war auf dem Kirchturm fast ständig eine Feuerwache stationiert. Diesen Dienst hatte ein erfahrener Mann übernommen, der mit seiner Familie aus Schlesien nach Pirna geflohen war und zuvor bei der Feuerschutzpolizei gearbeitet hatte. Hoch über der Stadt sollte er – genau wie die Türmer früherer Jahrhunderte – Brandherde nach Luftangriffen sofort erkennen und an die Feuerwehr melden. Das junge Mädchen durfte ihn oft auf den Turm begleiten, die alte Türmerwohnung bestaunen und über eine Holzstiege sogar die historische Seiger-Schelle erreichen. Am Vormittag des 19. April 1945 wendete sich das Blatt abrupt. Plötzlich schickte der Posten das Mädchen unmissverständlich nach Hause: Ein Luftangriff stand bevor. Kurz darauf heulten die Sirenen. Die Bomben trafen den Bahnhof, die Elbbrücke und umliegende Straßen schwer; rund 200 Menschen verloren ihr Leben, darunter auch Familienmitglieder des Mädchens. Ein schmerzhaftes Stück Stadtgeschichte, das untrennbar mit dem Blick vom Kirchturm verbunden bleibt.

(Text aus Überlieferungen aufgeschrieben von Annemarie Träger und von Klaus Hensel nach einem “Interview” im Jahr 1974 mit Frl. Hofmann, Tochter des letzten Türmers von St. Marien, die damals schon sehr betagt aber noch geistig rege und humorvoll war und im “Hospital” in der Robert-Koch-Straße wohnte. )