Der Takt der Stadt – Das Leben auf 45 Metern Höhe
Wie sah der Alltag hoch über den Dächern von Pirna aus? Mit dem Bau des Turmes von St. Marien (1466–1479) richtete man in rund 45 Metern Höhe Räume für den Türmer ein. Bis zum Jahr 1906 lebten hier zahlreiche Familien, oft mit vielen Kindern. Die Aufgaben des Türmers waren anspruchsvoll: Rund um die Uhr wachte er über die Sicherheit der Bürger. Um seine Aufmerksamkeit zu kontrollieren, gab es eine kuriose Methode: An Fenstern in jeder Himmelsrichtung waren Steckschlüssel für eine Messing-Stechuhr angebracht. Bei seinen nächtlichen Rundgängen musste der Türmer diese alle viertel Stunde betätigen, was auf einem Papierstreifen markiert wurde. Jeden Tag ging es zur Kontrolle auf die Polizeiwache, wo ein neuer Streifen eingelegt wurde. Zudem schlug er die Stundenglocke, bestimmte so den „Takt des Lebens“ und läutete das Geläut zu allen Anlässen. Bei Gefahren wie Feuersbrünsten, Unwettern oder feindlichen Truppen musste er die Stadt warnen. Brach ein Feuer aus, läutete er Sturm und steckte tagsüber eine rote Fahne, nachts eine rote Laterne in Richtung des Brandes aus dem Fenster. Erst spät zog moderne Technik ein: Eine direkte Telefonleitung zur Feuerwache ermöglichte schließlich präzisere Angaben.
(Text aus Überlieferungen aufgeschrieben von Annemarie Träger und von Klaus Hensel nach einem “Interview” im Jahr 1974 mit Frl. Hofmann, Tochter des letzten Türmers von St. Marien, die damals schon sehr betagt aber noch geistig rege und humorvoll war und im “Hospital” in der Robert-Koch-Straße wohnte. )
